Die Andere Ordnung

 

Gestische Malerei und meditative Kunst

 

 

 Die Künstlerin Astrid Schröder steht in der Tradition einer gestischen Malerei. Im ostbayerischen Raum war diese Kunstrichtung prominent vertreten durch die Künstlergruppe SPUR, einer Dependence der Gruppe CoBrA, die zu den einflussreichsten europäischen Kunstströmungen der 1950er Jahre und zur Vorgeschichte des Pariser Mai 1968 gehört. Die gestische Malerei gibt es in zahlreichen, sehr unterschiedlichen Spielarten als figurative und nichtfigurative Kunst. Sie reichen vom Informel und vom action painting Jackson Pollocks bis zu den Jungen Wilden. Allen gemeinsam ist die Betonung des Körpereinsatzes beim Malakt, die Durchbrechung der Zensur des Mentalen, die Erweiterung des Bewusstseins, die Teilhabe des Unbewussten am kreativen Prozess und, auch auf Seiten des Betrachters, die Entriegelung der Sinne. Und stets hat die gestische Malerei auch etwas Provokatives.

 

Provokativ wegen ihrer Ungewöhnlichkeit wirken auch, bei aller klassischen Schönheit, die sie ausstrahlen, die Bilder von Astrid Schröder. Wir sehen bei dieser minimalistischen Version der gestischen Malerei Bildkompositionen und Farbkaskaden von enormer Intensität. Und all das entsteht, mit geduldiger Mechanik gefertigt, allein aus der kleinen gestischen Bewegung des Handgelenks. Diese gestischen Bilder zeichnen sich durch eine erstaunlich kontemplative und meditative Wirkung aus, die weit über den Reiz des ersten Eindrucks hinausgeht. Das betrifft vor allem die grundlegende, früheste Werkgruppe. Die Wirkung der Gemälde Astrid Schröders hat mit der Art ihrer Entstehung zu tun. Sämtliche zur frühen Werkgruppe gehörenden Arbeiten bauen sich aus nichts anderem als aus vertikalen gleichlangen Strichen auf. Am Beginn aber steht eine konzeptuelle Entscheidung: über Farbgebung, Format und Größe des verwendeten Pinsels. Dann taucht Astrid Schröder den Pinsel in die Farbe und zieht einen ersten Strich am oberen linken Bildrand senkrecht nach unten, und zwar so lange bis der Pinsel keine Farbe mehr enthält. Dann taucht sie ihn erneut in dieselbe Farbe und zieht unmittelbar neben dem ersten einen zweiten ebensolchen Strich und so fortlaufend, bis das ganze Bild mit mehrerer solcher Strich-Reihen gefüllt ist.

 

Dann variiert die Künstlerin die Farbe und vollzieht einige Millimeter unter dem Beginn des ersten Strichs einen Strich, der den ersten zum Teil überlagert, und diese Prozedur wiederholt sie bis das Bild gefüllt ist. Dann variiert sie die Farbe erneut und setzt damit den Prozess der Teilüberlagerungen von Strichen fort. Bis zu acht Farbschichten lagern bei diesen Exerzitien der Ausdauer partienweise übereinander.

 

Reduktionstechniken dieser Art: einer strengen Regel folgend und sie variierend, findet man zum Beispiel auch in der Musik, man denke nur an Bachs berühmte Goldberg-Variationen. Sie können ein Mittel der Verweigerung flüchtiger Reize und einer Steigerung der Sensibilität sein. Auch bei Astrid Schröder verbindet sich das hohe Maß an Gleichförmigkeit mit einem Höchstmaß an Nuanciertheit.Hervorgerufen wird diese Nuanciertheit nicht nur durch die variierten Farbtöne, sondern auch durch dieSchwankungen der Hand beim Malakt, oder sogar durch sich veränderndes Atmen der Malerin, durch unterschiedliche Farbkonsistenzen oder durch Zufälligkeiten. Am Ende kann der Betrachter dieser Bilder eintauchen in schier grenzenlos scheinende Farb- und Tiefenräume. Ohne sich freilich darin zu verlieren. Immer hat er auch  Strenge und Ordnung vor Augen, die sich aus der Lineatur ergeben.

 

 

Die Frage der Zeit

 

Die Bilder Astrid Schröders scheinen vibrierend, inspirierend und pulsierend schier aus der Fläche herauszutreten und lebendig zu atmen. Dieser Eindruck besonderer Bewegtheit führt zu einer Frage, die die Künstlerin auf frappierende Weise angeht und die sich durch die lange Geschichte der Kunst zieht: Wie kann die Dimension der Zeit im Statischen eines Bildes erscheinen? Zeitlichkeit als fortlaufendes Geschehen kommt bei Astrid Schröders Malerei in der Fortwährendheit und Gleichförmigkeit zum Ausdruck, mit der, wie wir sehen, immer wieder Pinselstrich neben Pinselstrich….gesetzt wurde. Aber auch einem subjektiven Erleben der Zeit, das wir alle haben, können wir hier tastend und mittelbar auf die Spur kommen: aufgrund der zarten Unregelmäßigkeiten und der Anmutungs-Variationen, durch die sich die vielen einzelnen Pinselstriche, auch in ihrer farblichen Wertigkeit, unterscheiden.

 

 

 Drei Werkgruppen

 

Zu ihrer ersten, grundlegenden, sehr kontemplativ wirkenden Werkgruppe hat Astrid Schröder im Lauf der Zeit weitere Werkgruppen hinzuentwickelt: Die zweite Werkgruppe ist gekennzeichnet durch  deutliche Brüche, Verschiebungen und Sprengungen der Strukturen. Das erzeugt einen Rausch an bildlicher Dynamik, die förmlich in die Umgebung, in den Handlungsraum hineinzudriften scheint. Mit der Realität haben diese Arbeiten dennoch nichts zu tun, sie versuchen nicht etwa sich abbildend einer äußeren Wirklichkeit anzunähern. Das haben sie gar nicht nötig. Sie entfalten eine faszinierende, ausziselierte, eigene Welt. Bei einer dritten Werkgruppe scheint sich aus den Farben und Formen Landschaftsmalerei herauszukristallisieren, jedenfalls hat der Betrachter bisweilen derartige Assoziationen. Doch auch diese Bilder stellen, so wie sie konstruiert sind, nicht einfach ein Segment der Außenwelt dar. Sondern weisen mit ihrem Flirren und mit ihrer deutlichen Eigen-Art auf den konstruktiven Charakter hin, der allen unseren Wahrnehmungen der Welt innewohnt.

 

 

Vereinigung der Gegensätze

 

Mit meisterhafter Sicherheit vermag Astrid Schröder in ihrer komplex angelegten Malerei eine Vielzahl von Gegensätzen zu verbinden: Das Malerische der Farbe mit dem Zeichnerischen der Linie, größte Nuanciertheit mit größter Bewegtheit, das Atmosphärische und Emotionale mit dem Konzeptuellen, das Beruhigende mit dem Belebenden, das Rituell-Maschinelle mit dem Gestischen der Herstellung,

 

das Tiefenwirksame mit dem Oberflächenbezogenen, die Ordnung, die Regeln mit der Spontaneität und dem Normabweichenden. Polaritäten werden hier aufgebaut, spannungsvoll gehalten, und sie werden auf wunderbar feine Weise ausbalanciert. Im wirklichen Leben gelingt das leider selten. Insofern weisen die Bilder von Astrid Schröder auch einen utopischen Charakter auf.

 

 

 

Gabrielle Mayer 2016

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DOM PLATZ 5

Informations- und Besucherzentrum 

am Dom St. Peter

Kunstfenster

 

In der Zeit zwischen dem Oster- und dem Pfingstfest ist das Diptychon 6 : 5 : 014 der Regensburger Malerin Astrid Schröder im Schaufenster des Informationszentrum zu sehen.

 

Tel.: (0941) 597-1662

e-mail: domkapitel@bistum-regensburg.de

Regensburg