Zur Malerei von Astrid Schröder

 

Auf ihrem Weg zu ihrer unverwechselbaren künstlerischen Sprache hatte Astrid Schröder einen Modus in der Malerei gesucht, Gestik und Intuition zu beherrschen.

 

Seit knapp zwei Jahrzehnten ist ihre Arbeit  an der monochromen Malerei orientiert und streng auf eine Vorgehensweise konzentriert, in welchem sie immer eine formale Komponente wiederholt, aber Farbe und Format variiert. Heute zählt sie zu einer neuen Generation von Künstlern, die in der langjährigen Tradition der konkreten Abstraktion der frühen europäischen Avantgarden und deren Nachfolgen stehen.

 

Sehr präzise malt sie senkrechte Linien, eine neben der anderen, jede einen farbgetränkten Pinselstrich lang. So entstehen mehrere Reihen von Linien in einer grundsätzlich geometrischen Struktur. Der Bildduktus geht von oben nach unten, von der obersten Linienreihe ist nur die Spitze sichtbar, sie wird von der darauffolgenden Reihe überlappt, so zieht sich das Schema bis zum unteren Rand durch und ist geordnet in horizontalen Abschnitten. Das einzige Werkzeug ist eine an der Decke montierte Zeichenschiene, mit deren Hilfe die Künstlerin die Linien gerade zieht und den Rhythmus der eng aufeinanderfolgenden Reihung halten kann. „Ich male mit meiner Hand, was normalerweise ein Computer tun würde“, sagt sie. Zuerst scheint ihre Methode emotionslos. Aber das Ergebnis zeigt das Gegenteil: in der kalkulierten Strenge bekommen Monochromie und Linienstruktur eine gefühlsmäßige Präsenz.

 

Jedes Bild ist in einer anderen Farbe gehalten, die sich in lichten und schattigen Werten präsentiert. Auf die farbige dunklere Grundierung werden in helleren Abtönungen die Linien gesetzt. Das Abnehmen ihrer Intensität, die bei jedem Pinselstrich vom satten in einen blassen Ton ausläuft, erschafft auf der ganzen Fläche eine bestimmte Farbstimmung. So stellen sich, entsprechend der Farbwelt des Bildgewebes, Assoziationen an Landschaften, Himmelsphänomene oder auch Empfindungen ein.

 

Eine wichtige Komponente ist auch der Rhythmus, nicht nur der vertikalen Linien zueinander, sondern auch der Reihen, die sich horizontal über die Bildfläche ziehen. Die vielen Pinselstriche scheinen vor ihrem Hintergrund zu flirren, wie pulsierende Wasserkaskaden fallen sie über die Leinwand herab. Die Regelmäßigkeit der Bewegung schafft Entspannung, ohne monoton zu sein. Musikalität ist eine Grundeigenschaft dieser Bilder, Harmonie eine andere.

 

Barbara Rollmann - Boretty 2006 / 2013

 

 

 

 

Die Faszination des Minimalen

Zu den Arbeiten von Astrid Schröder 1996 - 97

 

Nach dem aktuellen Status der Malerei zu fragen, ist angesichts des vielfältigen Wachstums der Kunstlandschaft wohl nicht fehl am Platze. Bei oberflächlicher Betrachtungsweise scheint sie – als eine der ältesten Kunstgattungen – am Ende des 20. Jahrhunderts ausgeblüht zu haben. Im Ausstellungsbetrieb wie auch unter den Juryvorschlägen für diverse Ehrungen wird der Anteil an jungen Malern immer seltener. Doch wer genau hinsieht, stellt fest, dass sich dennoch heute aus der Generation der Dreißig- bis Vierzigjährigen voneinander unabhängige Positionen sehr intensiv um das Wesen der Malerei bemühen. Die Frage nach der Innovation (die zu stellen wir uns ja in der erfindungsreichen Geschichte der Moderne und Postmoderne zur Gewohnheit gemacht haben) hat hier keinen Platz; wohl auch nicht die Frage nach der Legitimation des Erbes. Es ist unvermeidbar, an das gewesene anzuknüpfen; Radikalität in Reinform ist in einem Fach, das akute Extreme wie Minimal und gestischen Expressionismus unter vielen anderen Stilrichtungen gleichzeitig anbietet, nicht mehr möglich. Das Verständnis von Malerei definiert sich heute nicht, wie früher, chronologisch (anhand eines Stile - Wechsels), sondern tatsächlich im Sinn des Nebeneinander von Phänomenen etwa einer Landschaft. Der Verpflichtung zum Avantgardistischen durch die immensen Möglichkeiten der neuen bildnerischen Elektronik-Medien enthoben, kann sich die Malerei heute ganz auf sich selbst konzentrieren. Methodik und Einfühlung in die Materie rücken in den Vordergrund. Wer malt, ist bereit zur (Selbst)- Versenkung. Malerei ist kein schnelles Geschäft, und wenn, bedarf sie langer Vorbereitung.

 

Mit der Ernsthaftigkeit, die diese Vorgaben nahe legen, begegnet Astrid Schröder dem Medium.  Aus gestisch und motorisch entstandenen Formen entwickelte sie über einen längeren Zeitraum ihre reduzierte Bildsprache. Es sind Linienbilder, die jede Emotion versagen, die ganz im Zeichen von Methodik und ihrer Wirkung entstanden sind. Die Reduktion, die diese Arbeitsweise dominiert, ist vielleicht etwas wonach sich jeder Maler an mindestens einem Moment seines Werdegangs sehnt. Sich nahe dem Nullpunkt zu bewegen, alles Überflüssige abzusteifen, Malerei aus dem Nichts zu begreifen. Ein Weg der Purifikation, der für viele der Königsweg blieb.

 

Linie für Linie, immer mit dem gleichen Ansatz ein Bild zu füllen, hat etwas von Meditation. Die Künstlerin arbeitet mit dem Lineal, das parallel wieder und wieder am Bildrand angesetzt wird. Mit diesem Verfahren unterscheidet sie sich von einer älteren Generation, bei der die meditative „Handarbeit“ von Bedeutung war. Doch auch bei ihr dient das Lineal nicht als Präzisionsinstrument: es ist lediglich Hilfsmittel, das immer noch genug Raum für den changierenden Duktus der Hand und des Pinsels lässt. Ging es darum, ein möglichst präzises Linienbild zu erschaffen, gäbe es gewiss bessere Methoden. Doch gerade die Unregelmäßigkeit in der Regelmäßigkeit ist es, auf die es hier ankommt.

 

Faszination über die Prozesse des Zufälligen ist eine Triebfeder für die Malerin. Die Kalkulation, die mit dem Ordnungsgerüst der horizontalen oder vertikalen Parallelen einhergeht, wird hinfällig durch das nicht steuerbare Mikro - Geschehen, das die manuelle Arbeit auslöst. Beim Ansatz des Pinsels (oder des Bleistifts bei den Zeichnungen) und beim Ziehen der Linie entstehen kleinste Verschiebungen, deren Summe den Gesamteindruck von der Textur des Bildes ausmacht. So treten, etwa bei den im 6-cm-Raster gezogenen Pinselstrichen, nicht nur changierende Farbeffekt auf, sondern auch vertikale Furchen, die an die Willkür von Naturformationen denken lassen. Vergleichbar den Nummernbildern von Roman Opalka, bei denen die langsam abnehmende Sättigung des Pinsels mit Farbe die Bildstruktur rhythmisiert, ist auch bei den Linien dieser Bilder der transparenter werdende Farbverlauf entscheidend. Dramaturgie entsteht durch das Überlappen gesättigter und ungesättigter Farbspuren – besonders in Bildern, in denen die Linien kaskadenartig wie Stimmen eines Kanons gestaffelt sind. Farbmaterie ist dominant, doch die Farbigkeit als solche spielt kaum eine Rolle: die Bilder sind meist in zwei Tönen, hell auf dunkel oder umgekehrt gehalten.

 

Die Zeichnungen illustrieren die mikroskopischen Vorgänge noch deutlicher. Der Bleistift lügt nicht und verwischt nichts – die Unregelmäßigkeiten von Nahtstellen, Rändern und Textur der linierten Flächen sind beispielhaft für das Individuelle und Zufällige einer Handlung. Bei manchen Serien wird für jedes Blatt eine andere Bleistiftstärke verwendet; wie beim Farbauftrag wird der Materialität des Graphits viel Aufmerksamkeit geschenkt. Das Ergebnis sind Blätter von eigenartiger Schönheit, in denen man lange lesen kann. Mit dem Ziehen einer Linie wird immer eine Richtung angegeben; bei der Multiplikation des Akts entstehen so dynamische Prozesse, die das Wesen dieser Bilder ausmachen. Ob die Bewegung symmetrisch von außen angelegt ist oder ob sie von oben nach unten verläuft: immer erscheint die Konstruktion als ein komplexes ganzes. Manchmal verschmelzen die einzelnen Elemente zu einem flirrenden Teppich, als würde die Bildfläche leicht vibrieren. In anderen Bildern ist das pulsierende, rhythmische Element vorherrschend. Der Vergleich mit einem Musikstück ist nahe liegend: eine abgeschlossene Komposition, bei der einzelne Töne, zu Melodie-Strängen gebündelt, einen Klangteppich erzeugen. In diesem Fall wäre es wohl die eigenartige Schönheit der minimal music, die durch ihre Reduktion etwas sehr Elementares darstellt, solch gleichzeitig das Ergebnis von hoher Sensibilisierung ist.

 

Dr. Barbara Rollmann-Borretty 1997

 

 

 

 

 

DOM PLATZ 5

Informations- und Besucherzentrum 

am Dom St. Peter

Kunstfenster

 

In der Zeit zwischen dem Oster- und dem Pfingstfest ist das Diptychon 6 : 5 : 014 der Regensburger Malerin Astrid Schröder im Schaufenster des Informationszentrum zu sehen.

 

Tel.: (0941) 597-1662

e-mail: domkapitel@bistum-regensburg.de

Regensburg