Das Auge verliert sich im Linien-Meer

 

Hein Helmut: Das Auge verliert sich im Linien-Meer / Kunst: Die Regensburgerin Astrid Schröder hat ein imposantes Wandbild mit dem Titel „Energiefeld“ für die Technische Hochschule Deggendorf geschaffen. In: Mittelbayerische Zeitung v. 14.10.2014

 

 

Die heilige Zahl Sieben spielt bei Astrid Schröders monumentalem Wandbild „Energiefeld“ im Hörsaalgebäude der Technischen Hochschule Deggendorf eine entscheidende Rolle. Das Bild ist sieben Meter breit (bei einer Höhe von 2,30 Metern), es teilt sich in sieben „Zeilen“ und es ist im Malprozess durch sieben Überlagerungen der dunkelblauen Grundfläche entstanden.

 

Der Bauträger, der verpflichtet ist, zwei Prozent der Bausumme für Kunst am Bau zu verwenden, hatte einen Wettbewerb ausgelobt. 15 namhafte Künstler aus Deutschland und dem Ausland wurden eingeladen, ihre Vorstellungen und Konzepte zu präsentieren. Zum Auswahlprozess gehörten ein Kolloquium, die Einreichung einer kleinformatigeren Arbeit und eines Modells im Maßstab 1:20, das die Raumsituation berücksichtigt. Nur zwei Frauen wurden zu dem Wettbewerb eingeladen. Und die meisten Männer, die ihre Ideen präsentierten, waren nicht Maler, sondern Bildhauer.

 

Die maschinelle Anmutung trügt

 

Dass Astrid Schröder diesen hochkarätigen Wettbewerb gewann, hat mindestens zwei Gründe: die unmittelbare sinnliche Präsenz und überwältigende Qualität ihres „Energiefelds“; und der Umstand, dass ihr Wandbild wie kein anderes der eingereichten Werke zu der lichtdurchfluteten, zur Donaulandschaft hin sich öffnenden modernistischen Architektur eines Stuttgarter Büros und zur „technoiden“ Ausrichtung der Deggendorfer Fachbereiche passt.

 

Nur auf den ersten Blick hat übrigens dieses Wandbild aus Zigtausenden sich eng aneinanderfügenden senkrechten Linien in unterschiedlichen Blautönen eine fast schon maschinelle Anmutung. Dieser Schein trügt. Denn Astrid Schröder ist im Vollsinn eine Künstlerin mit einer unverkennbaren Handschrift. Sie kommt aus der gestischen Malerei. Und das Gestische bleibt auch spürbar bei ihren Arbeiten, die scheinbar auf rein geometrische Weise Flächen und Räume „organisieren“ und für manche schon konkrete Kunst sind.

 

Die Konsistenz der Farbe ist entscheidend

 

Astrid Schröder benutzt als einziges Hilfsmittel eine Schiene, die sie speziell für ihre Zwecke konstruieren ließ. Und wie kommt es, dass ihre Farben nicht „ausbluten“, wie man es von Cy Twombly – oder hier in der Region von Peter Wittmann – kennt? Früher arbeitete sie im Liegen, aber das war auf Dauer zu anstrengend. Jetzt, wo sie die Farben direkt auf eine vertikale Fläche aufträgt, kommt alles auf ihre Konsistenz an. Sie müssen so fest sein, dass sie nicht verlaufen. Sie kommen zwar aus der Tube, aber die Künstlerin mischt sie und erhält dadurch feinst differenzierte Farbtöne.

 

Und wie bei Roman Opalkas Zahlen-Projekt ist es so, dass sie den Pinsel eintaucht und die Linie so lange führt, wie es das Material hergibt; das sind im Fall des Wandbilds etwa 30 bis 40 Zentimeter. Der Ausdruck Wandbild ist im übrigen irreführend. Denn die Wand besteht ja aus Beton und der ist zu unregelmäßig und auch zu fett. Als Grund des Bilds dient eine dunkelblaue Fläche, eine Art Applikation, die den Bedingungen der Malerei optimal entspricht.

 

Sie malt vom Dunklen ins Helle

 

Auch die Tatsache, dass schon eine Grundfarbe da ist, gehört dazu. Astrid Schröder: „Ich male ja vom Dunklen ins Helle.“ Die Grundfläche wird also bei jedem Malvorgang heller. Sieben „Überlagerungen“, wie sie es nennt, also letztlich komplette Malvorgänge in der ganzen Länge und Breite des Bilds, gibt es in Deggendorf. „Ich musste dann aufhören, weil ich Angst hatte, dass sonst das Bild zu hell wird.“ Für ein Wandbild, auch auf Fernwirkung ausgelegt, gelten andere Gesetze als für kleinformatige Malerei auf Leinwand.

 

Was bleibt, ist die Faszination dieses seriellen Linien-Arrangements, bei dem scheinbar jede Linie ist wie alle anderen. Bei genauerem Hinsehen erweist es sich nämlich, dass jede, durch kleine und kleinste Abweichungen, „Fehler“, Irritationen, anders ist als alle anderen. Die einzelne Linie verhält sich bei Astrid Schröder zur Gesamtheit aller Linien wie das einzelne Individuum zur Spezies, der es angehört und das es doch auf ganz eigenwillige, unverkennbare Weise „performt“.

 

Ein Rechner hat keine andere Seite

 

Daraus entsteht dann Lebendigkeit – und das Bedürfnis nach Kommunikation. Auch bei diesem „Energiefeld“ (ein sehr treffender Name!) wandert der Blick von Linie zu Linie und hat doch nie genug gesehen, weil, wie in der Musik, das Grundmotiv ständig variiert wird und doch spürbar bleibt.

 

„Malprozess und Bildinhalt sind eins“, sagt Astrid Schröder. Und: „Ich male mit meiner Hand, was normalerweise ein Computer tun würde.“ Dass aber, anders als bei manchen Werken der konkreten Kunst, bei Astrid Schröder die Maschine nie an die Stelle des menschlichen Auges und der unruhigen Hand treten könnte, hat damit zu tun, dass alle ihre Bilder eine „andere Seite“ haben. Sie verleiht ihnen Geheimnis und Kraft. Diese andere Seite ist die Innenwelt der Künstlerin, wo sich in jedem Augenblick –und mehr noch in der Folge der Augenblicke – unendlich viel ereignet, das nach Ausdruck verlangt. Es gibt kein schlechtes Bild von Astrid Schröder. Aber dieses „Energiefeld“ ist wohl ihr Meisterwerk, das Beste, was sie je gemalt hat.

 


Feine Abweichungen befeuern das Hirn

 

Hein Helmut: Bilder vom Hirn und Bilder im Hirn / Kunst: Der Reiz des neurophysiologischen Universums: Astrid Schröder zeigt eine faszinierende Ausstellung in der Augenklinik. In: Mittelbayerische Zeitung v. 30. 4.2014

 

 

Astrid Schröder malt ihre Bilder Strich für Strich, hier steht sie vor den gelben Serien (Titel: „Standard“) an der Malschiene, an der sie die Bewegung der Hand zu präzisieren versucht.Foto: Peter Ferstl

 

REGENSBURG.

 

Eine außergewöhnliche Ausstellung! Man steigt die Treppen zur Augenklinik hinauf, die längst auch das Reich der passionierten Kunsthistorikerin Dr. Kirsten Remky ist, und mit jedem Schritt wird es dunkler. Braucht denn Kunst, Malerei zumal, nicht Licht? Nicht, wenn Professor Mark Greenlee, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Wahrnehmungspsychologie und Neurophysiologie, spricht. Er führt en detail, an vielen Beispielen vor, was das eigentlich heißt: sehen.

 

Jede Naivität, die meint, auf der Netzhaut der Augen und später dann im Hirn entstünde bloß ein Abbild der äußeren Realität, verbietet sich. Sehen ist nie passiv, sondern immer eine Tätigkeit, ein konstruktiver Akt. Die Reize, die von außen kommen, sind nur Anlass und Anregung für das, was wir uns dann „einbilden“. Jeder Mensch, könnte man sagen, ist ein Phantast. Und ein Schöpfer, sein eigener kleiner Gott. In jedem Augenblick erzeugt er seine je eigene Welt.

 

Ist das ein vollkommen anarchischer Vorgang, herrscht im Reich der Zeichen, die wir kompilieren, die reine Willkür? Mark Greenlee meint: nein. Es gibt Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Man kann das, was in unserem Hirn bei jedem Sehvorgang geschieht, experimentell untersuchen. Greenlee schiebt zu diesem Zweck seine Versuchspersonen im Wortsinn in die Röhre. Was zeigt sich mittels komplexer bildgebender Verfahren, wenn wir etwas wahrnehmen? Wo blitzt es, welche Neuronen werden aktiviert, welche Netzwerke bilden sich?

 

Mark Greenlee ist Naturwissenschaftler. Das heißt: Er nähert sich psychischen und mentalen Phänomenen mit den Mitteln und Methoden der Naturwissenschaft. Aber Mark Greenlee ist kein Fundamentalist. Er geht, wie er im Gespräch betont, nicht davon aus, dass irgendwann eine Sprache, die der Neurophysiologie, alle anderen Sprachen ersetzen und überflüssig machen wird. Er weiß, dass jeder Reduktionismus ein fatales Heilsversprechen ist. Sein einziges Resultat: dass unsere innere und äußere Welt ärmer wäre als zuvor.

 

Kunst ist zu komplex

 

Als Forscher ist Greenlee neugierig, als Philosoph kennt er die Bedenken, die sich gegen seine Zunft richten. Das „Bild vom Hirn“, wie er es nennt, ist das eine. Es zeigt sich im Scanner. Die „Bilder im Hirn“ aber sind etwas ganz anderes. Wie kommt man vom einen zum anderen? Geht das überhaupt? Greenlee ist zugleich optimistisch und skeptisch. Die Versuchsanordnungen, die er entwickelt, sind sehr simpel, man könnte auch sagen: elementar. Aber solange man sich auf diesem einfachen Terrain bewegt, kann man auch zu halbwegs verlässlichen Resultaten kommen. Was bedeuten sie? Das bleibt die entscheidende Frage. Man braucht starke Interpretationen und Hypothesen, um von einem neurophysiologischen Befund zu einer mentalen „Tatsache“ zu kommen. Greenlee weiß das. Und er weiß auch, dass die Kunst, selbst wenn sie scheinbar so nah an Algorithmen ist wie die von Astrid Schröder, viel zu komplex ist. Sie fügt sich seinen Versuchsanordnungen nicht. Man kann nicht sagen, was man auf Hirnscans beobachtet, während die Versuchspersonen Schröder-Bilder betrachten. Was löst was aus? Und wie? Eine Neuro-Ästhetik, da ist sich Professor Greenlee sicher, wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Vielleicht sogar nie. Aber was es gibt, sind Beiträge der Neurophysiologie zum ästhetischen Diskurs.

 

Astrid Schröders Bilder faszinieren ihn. Die Arbeiten irritieren den Neurophysiologen auf äußerst anregende Weise. Weil man nicht genau weiß, was man da eigentlich sieht.

 

Im „Zusammenhang“ neu gesehen

 

Vor kurzem war Astrid Schröder Gast auf einem Erfurter Kongress, der sich der Konkreten Kunst widmete. Ist denn das, was sie macht, konkrete Kunst? Das, meint sie, ist immer eine Sache des Blicks. Was sieht man, wenn man eine gelbe Scheibe sieht? Die Sonne bzw. die Abstraktion dessen, was wir Sonne nennen? Oder einen runden Fleck, der nur aus Form und Farbe besteht?

 

Astrid Schröders Werk gehört zu den besten, auch zu den bestdokumentierten der Region. Und doch ist diese Ausstellung eine Überraschung. Man sieht, im „Zusammenhang“, die Bilder neu. Jedes ist auf eine aufregende Weise anders. Was das Hirn erregt, „befeuert“ – aber das ist eigentlich die Domäne des Neurophysiologen – ist die minimale Abweichung von der Regel, die man zu kennen glaubt.

 

Jeder Farbwert ein Zustand

 

Kunst ist das, was anders ist und anderes bietet. Gute Kunst ist, im Wortsinn, stets Provokation; das heißt sie ruft etwas hervor, was es vor ihr und ohne sie nicht gab. Bei Astrid Schröder herrscht unübersehbar das Regime der Genauigkeit, der äußersten handwerklichen Präzision. Um so betörender ist dann das Gestische in ihrer Malerei: dass jeder Strich allen anderen („irgendwie“) ähnelt und dass keiner mit einem anderen einfach identisch ist.

 

Und dann gibt es bei Astrid Schröder natürlich noch die Domäne der Farben, meist vielfach gestaffelt, so dass sich am Ende ein plastischer Eindruck ergibt. Jeder Farbwert korreliert mit psychischen und mentalen Zuständen, bei jedem in jedem Augenblick anders, bei verschiedenen Betrachtern auf je spezifische Weise verschieden.

 

Es wäre faszinierend, wenn Professor Greenlee irgendwann, wie unvollkommen auch immer, die Bilder vom Hirn, die in der MRT-Röhre produziert werden, in Bilder im Hirn, wie sie beim Betrachten einer Ausstellung entstehen, „übersetzen“ könnte. Das wäre dann eine futuristische Performance von ganz eigenem Reiz: ein ureigenes Astrid-Schröder-Universum, in dem wir uns erst mühsam zurechtfinden müssten.

 

Die Ausstellung läuft bis 29. August in der Augenklinik Regensburg im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg (Prüfeninger Straße): Mo. bis Fr, 8 bis 12 und 14 bis 17 Uhr.

 


 Formen und Farben geraten in Bewegung

Kunst Ein Ereignis: Astrid Schröders Ausstellung „Die andere Ordnung“ in der Galerie Art Affair

 

 

Hein Helmut: Formen und Farben geraten in Bewegung / Kunst: Ein Ereignis: Astrid Schröders Ausstellung „Die andere Ordnung“ in der Galerie Art Affair. In: Mittelbayerische Zeitung v. 19. 2. 2011

 

Regensburg: Unruhe und Unordnung stehen am Beginn jeder Schöpfung. Man braucht viel Chaos, um einen Stern zu gebären, hieß es schon bei den Frühromantikern und bei Nietsche. Die vibrierende und pulsierende Energie, die Fülle des Ursprungs spürt man auch in der Arbeit von Astrid Schröders, nur dass das, was Andernorts „platzt“, bei ihr gebändigt ist: eine neue, andere, sehr helle und klare, eben apollinische Ordnung erscheint über dem dionysischen Wüten.

 

Dieses archaische Zittern, das Rück- und Nachtseite jeder unserer Erfahrungen ist, bleibt aber erhalten: in der kleinen Abweichung, in der kaum merklichen Irritation, die noch die kleinste Geste belebt. Im Atmen der Künstlerin, das sich im bild niederschlägt, im Vergehen der Zeit, das jede Arbeit dokumentiert.

 

 

Vom Gericht bis zur Allianz Arena

 

 

Astrid Schröder gehört seit langem zu den wenigen, wichtigen Künstlern der Region. Sie ist in bedeutenden Sammlungen vertreten. Sie prägt Räume; nicht nur im Regensburger Landgericht, sondern auch in Bundesministerien, europäischen Institutionen, sogar in der Münchner Allianz Arena.

 

Die aktuelle Astrid Schröder-Ausstellung in der Galerie Art Affair bietet gleich mehrere Überraschungen. Ihre Arbeite bestehen, „behaupten“ sich in den gotischen Gewölben. Architektur und Bild ergänzen und steigern sich auf wunderbare Weise.

 

Bei manchen Arbeiten ist dieses vermeintliche „Wunder“ in Wahrheit Plan, Kalkül. Astrid Schröder hat sich bei einer kleinen Werkgruppe vom Raum herausfordern lassen. Die Lineatur ihrer Arbeiten, die üblicherweise „more geometrico“ daher kam, in jüngster Zeit manchmal auch zersprengt, zerstückt, aufgerissen, in wilder aber eher „zackiger“ Bewegung, rundet sich da seriell, wird auf eine fast gespenstische Weise organisch.

 

Aber es ist nicht so, dass sich die große Geste des Gewölbes im Bild einfach wiederholt. Es entsteht vielmehr ein Märchenwald, eine mythische oder sogar metaphysische Rätsel-Landschaft in Blautönen, die schon für Novalis Chiffre der Ferne, der Sehnsucht, der Transzendenz, eines kosmischen „Heimwehs“ waren. Der Zauberer von Astrid Schröders Arbeiten bestand bisher in der äußeren Konsequenz ihrer malerischen Exerzitien, die den Bereich des „nur“ Ästhetischen überschnitt, sie fast schon zu Andachts-, Walter Benjamin hätte vielleicht gesagt Denk-Bildern machte. Eine große Ruhe ging von diesem gestrichelten Sub- Text unserer vertrauten Welt aus.

 

 

Landung im Sufi-Areal?

 

 

Aber im nur Meditativen liegt auch eine Gefahr. irgendwann verlässt man den Bereich der Avantgarde, die, wenn sich etwas taugt, schöpferisch und hochreflexiv zugleich ist, und landet im Buddhismus oder im Sufi-Areal. Ist nicht mehr Künstler, sondern ein Meister von Zen-Riten. Oder irdischer: Man wird als „Raumausstatter“ zu Experten für Psycho-Technik und sanfte Suggestion.

 

Astrid Schröder hat all diese Gefahren erkannt – und vermieden. Sie entwickelt den „Kode“ ihrer Kunst weiter. „Die andere Ordnung“ in der Galerie Art Affair ist die bisher beste, beeindruckendste unter vielen sehr guten Schröder-Ausstellungen; gerade weil sie die „Bestände“ sichert, also die ruhige, kontemplative Werkgruppe, mit der sie bekannt wurde, weiterführt – nicht zuletzt durch eine neue Experimentierlust, was die Farbtöne betrifft – und sie durch zwei weitere ergänzt.

 

In der einen wird sie, wann sie die alte Ordnung des Bildraums aufbricht, in den „Verschiebungen und Sprenungen der Strukturen“, wie es in der klugen Einführung hieß, hochdramatisch: eine wilde, (noch) nicht figurative Expressivität, die zur Geschichte der gestischen Malerei gehört, so aber noch nicht zu sehen war.

 

In der anderen unternimmt Astrid Schröder etwas, was heikel sein könnte, was sie aber souverän bewältigt: eine Art abstrakte Landschaftsmalerei, rein aus formen und Farben, die in Bewegung geraten. Es geht hier nicht um Abbild oder Illustration, sondern um „reine“ Kunst, um eine autonome Welt neben der, die wir weniger wahrnehmen als mithilfe unserer Anschauung und unseres Verstands konstruieren. Diese Welt neben der Welt, in die Astrid Schröders neueste Arbeiten hineinführen, erhebt unser vertrautes Dasein in den „Geheimzustand“. Mehr kann Kunst nicht leisten.

 


Erst kommt die Störung, dann Ordnung

Kunst Beeindruckend: Astrid Schröder s „Ausflug ins Grüne“ wird im Krankenhaus St. Josef präsentiert.

 

 

Von Helmut Hein, MZ 2010

 

Regensburg. Was kann Kunst? Die schlichteste Antwort wäre Abbilden. Also: Die Welt, so wie der Herrgott sie geschaffen hat, noch einmal schaffen. das nennt man dann gern Realismus. Aber diese Art von „Realismus“ weiß weder etwas von der Welt noch von der Kunst. Jede Kunst setzt Abweichungen voraus, Irritation. Dort, wo es keine Irritation gibt, beginnt das Reich des Kitschs. Kitsch sagt: So war es, so ist es, so wird es sein. Kunst sagt: Du verstehst mich nicht. Vielleicht wirst du mich nie verstehen.

 

Astrid Schröders Arbeiten sind, seit langem, betörend. Vielleicht liegt es daran, dass in ihnen eine große Ruhe ist und zugleich eine große Unruhe. Vor sieben Jahren schuf sie für den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Regensburg ein großes Wandbild aus 45000 gelben Linien. Es gibt nicht wenige, die es eigentlich wissen müssten, weil sie in der einen oder anderen Art Beteiligte sind, die behaupten, dass seitdem die Prozesse anders verlaufen.

 

 

Strich neben Strich

 

Wenn Astrid Schröder malt, dann meditiert sie. Ihre Bilder sind das Resultat geduldiger Arbeit. Sie setzt Strich neben Strich, während die Zeit vergeht. In manchem erinnert ihr Verfahren an das Roman Opalkas, der die Augenblicke seines Lebens durchnummeriert. Was sich verändert, sind die Hell- und Dunkeltöne der Ziffer, je nachdem, wann er den Pinsel eintaucht. Von ferne ergibt sich eine Struktur, die nicht nur mathematisch, sondern sinnlich ist. Von Zeit zu Zeit lässt sich Opalka fotografieren. Alles leibt gleich – das Hemd, die Haltung, die Miene -, nur dass er allmählich altert.

 

Verglichen mit Opalka wechselt Astrid Schröder auf vertrackte Weise die Genres, die Zeichensysteme. Bei ihr ist nie ganz klar, was noch konkrete Kunst ist, was schon entschiedene Abstraktion. Auch wenn es um den puren Material- oder Fomal- Charakter ihrer Kunst geht, schwankt sie. Sie nennt Bilder monochrom, die für den naiven Blick verschiedenfarbig sind. Und polychrom solche, deren Differenz sich nur heftigen Hell-Dunkel Schwankungen verdankt. Wenn Astrid Schröder malt, denkt sie vielleicht nicht. Die Absenz des Denkens, zumindest des quälenden Denkens, seine Stasis ist ja das Ziel dieser Malerei. Aber „es“ denkt permanent in ihr, während sie arbeitet. So wie es regnet oder donnert oder stürmt. Oder sogar göttert, wie in Heideggers Spätwerk „Vom Ereignis“.

 

 

Astrid Schröder gehört zu den wiedererkennbarsten Malern der Region. Und zu den ganz wenigen, die über viele Jahre an einer Idee Arbeiten, also überhaupt ernstzunehmen sind. Ihre neueste Ausstellung im Caritas – Krankenhaus St. Josef – eine der feinsten Adressen der Regensburger Kunstszene – nennt sie „Ausflug ins Grüne“. Das klingt fast schon nach Impressionismus, Frühstück im Freien, Seerosenteiche etc. Auf jeden Fall nach Landschaft, also nach Figuration.

 

 

 

Astrid Schröders neueste Arbeiten, die ein wenig das vertraute Terrain verlassen, erscheinen auf den ersten Blick paradox. Während üblicherweise der Gegenstand abstrahiert wird, bis er sich verflüchtigt, verschwindet, verliert, bis nur noch ein Muster bleibt, das scheinbar nichts mehr mit ihm zu tun hat, während es tatsächlich sein Innerstes, das „Wesen“ enthält, abstrahiert Astrid Schröder gewissermaßen die Abstraktion. In den Chiffren und Kodes ihrer Malerei irrlichtern plötzlich Landschaften, Räume, Himmel, Meer; was immer die Fantasie zulässt, die sich diesen Zaubergärten verdankt.

 

Die Welt im Innersten

 

Dort, wo es heftiger, dynamischer zugeht, spricht Astrid Schröder von „Strömungslehre“. Wer wissen möchte, was die Welt im Innersten zusammenhält, wen also mit weit offenen Augen das faustische Streben packt, der muss sich lediglich dieser Strömungslehre unterwerfen. Einige ionische Naturphilosophen sahen im Wasser und seinen Verwirbelungen den Ursprung der Dinge. Andere entdeckten ihn im Apeiron, im Unendlichen, Maßlosen, dem man eine Grenze setzen muss, wenn etwas entstehen soll. Wer Aber eine Grenze setzt, wer das Eine bejaht und das Andere verneint, weil nur so Bestimmtheit, also Gegenstände und Geschichten, möglich ist , der mach sich schuldig. Astrid Schröder ist als Malerin eine Mystikerin. sie folgt der Spur der Fibonacci- Zahlen, welche die abendländische Kunst und ihr Verständnis prägten wie nichts sonst. Selbst der „Goldene Schnitt“, unser Gespür für Proportion und Harmonie verdankt sich den Fibonacci – Zahlen. Astrid Schröder sucht nach Ordnungen, die alles, von der Physik der ersten Stunde über das Menschliche bis zum letzten ästhetischen Raffinement, verbinden.

 

Aber damit etwas erscheint, damit die Szene bereitet wird für das große Spiel und die Bühne sich füllt braucht es die Störung. Die Frage nach dem Primat: Was kam zuerst, die Ordnung oder die Störung, ist müßig. Auf jeden Fall kann man sagen, dass jede Störung auf eine Ordnung verweist. Während die Ordnung dem Wahn verfallen kann, sie bestehe in sich, könne auf alles andere verzichten. Astrid Schröders „Ausflug ins Grüne“ ist, handwerklich und gedanklich, die faszinierenste Ausstellung seit langem. Unbedingt sehenswert!

 

DOM PLATZ 5

Informations- und Besucherzentrum 

am Dom St. Peter

Kunstfenster

 

In der Zeit zwischen dem Oster- und dem Pfingstfest ist das Diptychon 6 : 5 : 014 der Regensburger Malerin Astrid Schröder im Schaufenster des Informationszentrum zu sehen.

 

Tel.: (0941) 597-1662

e-mail: domkapitel@bistum-regensburg.de

Regensburg